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un film de Laurent Boutonnat
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Bekannt für die Musik und die Clips, die er seit Jahren für Mylène Farmer schreibt, hat Laurent Boutonnat endlich die Mittel gefunden, ins Kino zu gelangen. Als Produzent, Co-Drehbuchautor, Musiker und Regisseur, kurz: als ein "Mann des Orchesters", berauscht vom Verlangen und der Freiheit. Die Freiheit, sich die Zeit zu nehmen, seinen Landschaften und seinen Figuren Leben einzuhauchen, mit den verschiedensten Themen zu flirten: der Weltkrieg, die von ihren Männern verlassenen Frauen, die Kindheit, der sanfte Wahnsinn, die Psychiatrie, das Eingesperrtsein, das Nahen des Zeitalters der Technologie. Man sagt «Wer viel umarmt, umarmt schlecht», und es stimmt, daß man - während man sich vom Filmfluß mitziehen läßt (drei Stunden im Schnee, holen Sie Ihren Muff) - es bedauern kann, daß Laurent Boutonnat sein Drehbuch nicht ein wenig mehr um die Liebensgeschichte im Film hat kreisen lassen. Nicht nur, um Mylène Farmer, die potentiell lodernde/flammende Rothaarige, ein wenig länger auf dem Bildschirm zu sehen... Ein erster Film, der sich darum verdient gemacht hat, wirkliche Ambitionen zu offenbaren, und dessen düstere Romantik, manchmal bewegend, manchmal am Rande des Grotesken, frischen Wind in die Kinosäle bringt. Begegnung mit einem der anziehendsten Paare der Musikszene und... des Kinos.

Temps Libre: Haben Sie das Gefühl, Ihrer Rolle der Catherine zu ähneln?

Mylène Farmer: Der gemeinsame Punkt ist zweifellos diese Mischung aus Zerbrechlichkeit und Kraft, die in ihr ist. Aber ich würde nicht sagen, daß ich dem nahe bin, ich habe versucht, zu interpretieren. Und ich schöpfe eindeutig aus meinen eigenen Bedrängnissen und meinen Neurosen, um die Figur von Catherin zu nähren. Catherine ist eine junge Frau, die «anders» ist, einen kindlichen und anormalen Charakter besitzt. Fakt ist, daß ich mich im Bereich der Musik niemals als jemanden völlig Normales angesehen habe! Ich habe keinerlei Erinnerung an meine Kindheit. Und das ist sehr schmerzlich. Ich kann mir einige Erinnerungen produzieren, aber ich habe keine wirklichen. Doch im Bereich der Schwierigkeiten mit dem Leben habe ich nichts erfunden - das ist Teil von mir.

Sie sind jetzt glücklicher...

Was ich weiß, ist, daß ich, bevor ich schöpferisch tätig wurde, nicht sehr glücklich war;meine wahre Geburt, oder meine Wiedergeburt, datiert von dem Tage, wo ich mich ausdrücken konnte. Und ich brauchte den Blick von irgend jemandem. Ich hatte das Glück, diese Person zu treffen, diese magische und grundlegende Begegnung zu machen... Aber ich kann nicht sagen, daß es mir jetzt besser geht. Ich hatte die Chance, das zu tun, was ich tue, aber heute wünsche ich mir eindeutig Leute, die sich keine Fragen stellen...

Hätten Sie sich mit jemand anderem als Laurent Boutonnat ins "Abenteuer Kino" stürzen können?

Ich glaube ja, ich hätte es tun können, aber entweder gefiel mir der Regisseur nicht oder das Thema. Zur Rolle in «Das Piano» hätte ich ja gesagt!

Die Art des Wahnsinns bei Catherine ist sehr sanft/subtil. Ist das eine Wahl der Schauspielerin?

Ich denke, daß die Figur weniger auffällig als introvertiert ist, aber meine Persönlichkeit hat ohne Zweifel dazu geführt, mich noch mehr Richtung Murmeln zu bewegen. Ich liebe Schreie nicht und in diesem Universum des Films, die sich ans Märchen anlehnt und die uns zwischen dem Wahren und dem Falschen, dem Realen und dem Irrealen wandern läßt, darf die Lesart nicht zu aufdringlich sein. Was mich angeht, so liebe ich Konflikte nicht und ich bevorzuge die Stille. Im Leben reagiere ich nicht auf Aggressionen. Das Leben läßt die (dafür) bezahlen, die zahlen müssen. Ich ziehe es vor, das zu denken und ich konnte es mehrere Male bestätigen...

Ihre Clips waren bereits ambitioniert und generell sehr cineastisch in Szene gesetzt, aber hier macht es Ihnen Spaß, mit der großen Länge zu spielen, oder?

Laurent Boutonnat: Ich bin immer Musiker gewesen und ich habe immer Kino machen wollen. Die Musik war das Ergebnis eines Zufalls. Die Videoclips waren als Erfahrung sehr interesant und ich habe wirklich einiges davon gelernt, seien es die sehr rhythmischen, sehr musikalischen Elemente, seien es Dinge aus dem Bereich des Schreibens und des Cinematographischen (?). Aber jetzt gibt es eine Herrschaft der Bilder, der reinen Bilder. Ich glaube, daß «Giorgino» überdies das Ende eines Zyklus ist. Beim Kino habe ich Lust, mir Zeit zu nehmen, auf einem Gesicht zu verharren, auf einer Landschaft, den Situationen und Dingen ihre Zeit zu geben, um sich an ihre Stelle zu begeben, um zu existieren.

Drei Stunden, das existiert! Es gibt verschiedene Themen in Ihrem Film - welches war das Ausgangsthema?

Ich bin nicht von einer vorher existierenden Geschichte ausgegangen. Kein Buch, kein nichts. Ich bin von unerklärlichen Dingen ausgegangen, und der Film reifte während einer Reihe von Jahren. In er Tat bin ich von Wünschen/Verlangen ausgegangen. Dem Verlangen, einen Film zu machen, das war das Hauptverlangen. Verlangen nach Wind, Schnee, Farben, Staub, Liebe. Abgesehen davon keine andere Sache. Während des Schreibens des Drehbuchs ist zum Beispiel der Krieg erst viel später aufgetaucht. Der erste Weltkrieg hat mich interessiert, weil er ganz einfach den wirklichen Fortschritt der Technologie des 20. Jahrhunderts markiert, den endgültigen Einbruch der neuen Welt in ein sehr rückständiges Universum, das dem Mittelalter ähnelt. Es war auch der Augenblick, in dem die Frauen sich daran machten, nicht wenige Dinge in die Hand zu nehmen...

Temps Libre Interview mit M.Farmer & L.Boutonnat Datum: 05.10.1994
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