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un film de Laurent Boutonnat
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Wirkt der perverse Charme von Mylène Farmer
auch auf der großen Leinwand?

Seit zehn Jahren realisiert Laurent Boutonnat ihre Clips. Kurzfilme mit großem Budget, die die der herkömmlichen Produktionen sprengen. Mit «Giorgino» geht das geheimnisvollste Paar des Show-Business zum Spielfilm über. In der gewohnten Atmosphäre - romantisch und schwarz/düster.

Auf dem Gebiet der Musik, wo es üblich ist, sich an der neuesten Mode zu orientieren, stehen Mylène Farmer und Laurent Boutonnat für einen nicht einzuordnenden Stil, der von makabren Märchen inspiriert zu sein scheint. Anläßlich ihres letzten Konzerts hat Mylène Farmer den Palais des sports in einen Friedhof verwandelt. Ihre zerbrechliche Figur, ihre transparente Blässe, die mit einer flammendroten Mähne kontrastiert, spielt mit der Verbindung von Unschuld und Perversität. Ihre helle Stimme, untermalt von Synthesizer-Echos, läßt mißhandelte Wörter durchdringen, «plus grandir», «géneration désenchantée», oder Töne von Sapphismus, wie in ihrer ersten Single «Maman a tort», aus dem Jahre 1984. Sie reiht Erfolg an Erfolg: «Libertine», «Pourvu qu'elles soient douces» (sie spricht hier von ihren Pobacken), «Amour plastique»... Seit den Anfängen haben Mylène Farmer und Laurent Boutonnat zusammengearbeitet. Mit exponentiellem Erfolg (zusammen mit Patricia Kaas ist Mylène der Star der französischen Charts). Bis hin zur obersten Weihe: dem «Diamant-Album» (für 1 Million verkaufte Exemplare) für ihre letzte CD «Dance Remixes», die die Gesamtverkaufszahlen auf 4 Millionen erhöht. (Anm. PM: Für «Dance Remixes» hat Mylène KEINE Diamantauszeichnung erhalten, schließlich wurden davon "nur" 200.000 Stück verkauft!) Ein Erfolg, der die Schmäher/Neider des Duos irritiert und stört. Ihre Lieder werden von ihnen als «Psychoanalyse von Zaubermärchen» angesehen und sie halten Mylène für eine «Künstlerin heißer Clips». Von Anfang an hat das Paar genauso viel Wert auf das visuelle Element gelegt wie auf das musikalische. In den 14 von Laurent Boutonnat realisierten Clips der Sängerin zeigt Mylène Farmer ihre Schwierigkeiten des Lebens in phantastischen Umgebungen, barock und morbide. Diese durchstürmte Romantik, diese entschlossen ländlichen und fernab der Zeit seienden Clips sprechen viele, oft junge Leute an. «Ich habe Probleme damit, mich in unsere Epoche hineinzuversetzen», sagt Mylène. «Ich habe Lust, mir eine Welt durch Lieder oder Bilder zu erschaffen, eine, wo alles erlaubt ist.» Eine, wo dieser dekadente und, so die allgemeine Meinung, bemerkenswert umgesetzte «Barry-Lyndonismus» herrscht.
Im Gegensatz zu den ultraschnellen Schnitten, die für Clips sonst üblich sind, nehmen sich die von Farmer/Boutonnat ihre Zeit (mehr als zehn Minuten für ein Lied), eine Geschichte zu erzählen. Nun hat Laurent Boutonnat, kraft der Verbindung dieser Kurzfilme mit der Gangart von Monumentalfilmen, das Verlangen, mit 33 Jahren sich in ein noch ambitionierteres Projekt zu stürzen. Wie üblich haben Mylène und er niemandem vertraut. Gleichzeitig Regisseur, Drehbuchautor und Komponist, bildet er in «Giorgino» natürlich das merkwürdige Universum ab, das ihm vertraut ist. Der Film spielt im Oktober 1918, am Ende des Ersten Weltkriegs. Er erzählt die Mißgeschicke eines jungen Arztes (Jeff Dahlgren), der von der Front zurückkehrt und in eine seltsames Versteckspiel mit dem Wahnsinn und dem Tod verwickelt wird.
Die Dreharbeiten fanden in der Slowakei statt, während des Winters 1992, bei minus 20 Grad. Ein komplettes Dorf wurde zusammen mit seiner Kirche, dem Friedhof, der Herberge errichtet, von Pierre Guffroy, einem der besten französischen Bühnenbildner (Cocteau, Bresson, Buñuel, Truffaut, Sautet), der einen Oscar für «Tess» von Roman Polanski erhalten hat, drei Césars für «Que la fête commence» von Tavernier, bevor er für «Pirates» von Polanski und «Valmont» von Milos Forman gearbeitet hat.
In dieser Geschichte, die manchmal dem Alptraum eines Kindes ähnelt, bevölkert von Wolfsrudeln, hat die Liebe die Züge von Mylène Farmer, scheue Kind-Frau, geheimnisvoll und sinnlich... Eine Rolle, die ihr wie auf den Leib geschneidet ist. Sie erklärt: «Laurent und ich fühlen uns instinktiv von grausamen Märchen angezogen, vom Irrationalen. Ich liebe Tiere (Mylène lebt mit zwei Kaupzineraffen, E.T. und Léon) und die Verrücktheit, zum Beispiel die einer zerbrochenen Landschaft, wo der Blick nicht ruhig entlangwandern kann.» Sie gibt zu, von den Bildern von Egon Schiele und von Dali angezogen zu werden und in der Literatur von Henry James und natürlich Edgar A. Poe. Sehr intellektuelle und ausreichend dunkle Referenzen für ein sehr klares Paar, das auf der Klaviatur des Krankhaften spielt.

Paris Match Vorbericht zu Giorgino Datum: Oktober 1994
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